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Tennis in Halle

Die Deutschen sind vom Gras beflügelt
Philipp Kohlschreiber geht schon seit einigen Jahren dem Wandergewerbe Tennisprofi nach, aber so etwas hat der neue deutsche Spitzenspieler noch nie erlebt: „Für uns ist das schön. Man spricht in der Umkleide fast nur noch Deutsch. Es gibt wenig Ausländer. Das ist mal ganz angenehm. Das ist toll für das Turnier.“

Die Sätze des 25-jährigen Augsburgers sind keineswegs fremdenfeindlich, sie drücken nur die Freude des 24. der Weltrangliste über die neue deutsche Erfolgswelle bei der Gerry Weber Open in Halle aus. Für das Viertelfinale des einzigen deutschen Rasenturniers hatten sich schon am Donnerstagnachmittag fünf Profis mit deutschem Pass qualifiziert, neben Kohlschreiber noch Thomas Haas, der Hamburger Mischa Zverev, der Orscholzer Benjamin Becker und der Ravensburger Andreas Beck. Am Abend verpasste Nicolas Kiefer gegen den Österreicher Jürgen Melzer dann die Gelegenheit, eine in der Geschichte der ATP World Tour, ja in der jüngeren Historie des Tennis einmalige Konstellation zu schaffen: sechs Deutsche in der Runde der letzten acht, das hatte es zuletzt in Berlin 1973 gegeben (die ATP wurde erst 1990 gegründet). Kiefer musste allerdings nach dem ersten Satz (1:6) wegen einer Bauchmuskelzerrung aufgeben.

Als Störenfriede drohen neben Novak Djokovic, der am Abend den Franzosen Florent Serra besiegte, sowie der Belgier Olivier Rochus, der Philipp Petschner bezwang. Da es in der oberen Hälfte des Tableaus an diesem Freitag nur innerdeutsche Kräftemessen gibt – Kohlschreiber gegen Beck, Haas gegen Zverev –, wird mindestens ein Lokalmatador am Sonntag im Finale stehen.

Thomas Haas: „Hey, ich kann da oben mithalten“

„Ein bisschen fühle ich mich als Glückspilz“, sagt Turnierdirektor Ralf Weber, „die Deutschen spielen hier beflügelt auf.“ In der Tat: Kaum haben die besten deutschen Tennisspieler Gras unter den Füßen, schlagen sie Gegner, die für sie nach der Einschätzung der Hackordnung eigentlich einige Nummern zu groß sind. Petschner revanchierte sich in Westfalen für seine Pariser Niederlage gegen den spanischen Weltranglistenachten Fernando Verdasco, Haas schlug den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga in einer hochklassigen Partie.

Der 31-jährige Routinier freute sich nach einem seiner besten Rasenmatches seiner Karriere, endlich mal wieder einen aus dem Kreis der Top Ten – Tsonga wird auf Rang neun geführt – besiegt zu haben:
„Hey, ich kann da oben mithalten“, freute sich Haas, der auch bei den French Open einen Überraschungscoup gegen Roger Federer auf dem Schläger hatte: „Auf der einen Seite denke ich darüber nach und denke mir, Wahnsinn, wie gut er den Ball bei meiner Breakchance getroffen hat. Wenn ich für das Match serviert hätte, hätte ich auch gewonnen. Aber auf der anderen Seite, wenn ich jetzt die ganzen Sachen lese, 14. Grand-Slam-Titel und endlich sein French Open-Ding, da bin ich froh, dass er gegen mich gewonnen hat“, sagte Haas lachend.

Stichwort Federer: Der Seriensieger von Halle, der die Turnierplakate und die Titelseite des Programmhefts ziert, hatte nach dem Triumph von Paris am Dienstag wegen Erschöpfung abgesagt. Aber geschadet hat es dem Turnier nicht. Der Zuschauerzuspruch ist sowohl in Halle als auch im Fernsehen gestiegen, was wohl den deutschen Erfolgen geschuldet ist. An der Tageskasse wurden mehr Karten als im Vorjahr verkauft, das Deutsche Sportfernsehen, das während der Woche überträgt – das erste Halbfinale und das Finale am Sonntag zeigt das ZDF – hat seine Quoten gesteigert. Im Schnitt sahen 160.000 Fans (Vorjahr 100.000) zu, der Marktanteil stieg trotz der Abwesenheit des Baselers von 0,8 auf 1,3 Prozent.

Andreas Beck „Es ist ja fast eine deutsche Meisterschaft“

Auch die Konkurrenten profitieren davon, dass Federer vor Wimbledon seinen Akku aufladen muss. Sie sind munter und keck geworden. „Die ganze deutsche Armee hätte wohl gegen Roger nichts ausrichten können“, sieht Kohlschreiber die Lage der Dinge realistisch, „doch jetzt glaubt jeder, dass er das Turnier gewinnen kann.“ Beck bedauerte ein klein wenig nach seinem 7:5-, 7:6- (7:5-)Erfolg gegen den Slowaken Lukas Lacko, dass er im Achtelfinale nicht gegen den Schweizer Superstar sondern gegen einen „Lucky Loser“ der Qualifikation antreten musste. „Ich hätte gerne mal gegen Roger gespielt“, sagte Beck, „aber so ist es auch ganz schön. Es ist ja fast eine deutsche Meisterschaft.“

Den Schwung seiner Kollegen erklärte der 23-jährige Profi vom Bodensee mit der Vorliebe der Deutschen zu dem einzig natürlichen Tennisboden: „Wir spielen alle sehr gern auf Rasen. Und in Halle fühlen wir uns alle ganz besonders wohl.“ Auch Turnierdirektor Weber sieht sich in der Umsorgung der Landsleute bestärkt: „Wir tun vielleicht mehr für sie als bei anderen Turnieren. Sie fühlen sich hier mehr wertgeschätzt, und das spiegelt sich in ihren Leistungen wider. Wir haben von Anfang auf die nationale Karte gesetzt.“ Auch die Tennisfans tragen das Konzept mit. Am Donnerstag wurde bei der 17. Auflage der Gerry Weber Open schon der dreimillionste Besucher geehrt – eine einmalige Erfolgsgeschichte im deutschen Tennis.

Bericht von Wolfgang Scheffler, Halle
in der Frankfurter Allgemeine FAZ.NET vom 12.06.2009

geschrieben am 12.06.2009 um 21:38 Uhr.