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Wimbledon Tennis-Star Andrea Jaeger wird Nonne


Vom Tennis-Rüpel zur Nonne.

Andrea Jäger geb. am 4. Juni 1965 in Chicago, Illinois
Auf dem Tennisplatz war sie ein Weltstar - und zugleich ein Ekel wie John McEnroe. Obwohl noch nicht einmal volljährig, brachte Andrea Jäger selbst Gegnerinnen wie Martina Navratilova oder Chris Evert in Rage und provozierte Referees wie Zuschauer gleichermaßen. Sie erfand das nervtötende Stöhnen bei jedem Schlag und war damit Vorreiterin der "psychologischen Kriegsführung". Doch aus dem Super-Flegel, der 1980 mit 14 Jahren und 8 Monaten sein erstes Profiturnier gewann, ist längst "Schwester Andrea" geworden - ein Engel für krebskranke Kinder.

"Schon damals wusste ich, dass Gott etwas anderes mit mir vor hatte, als die Nummer eins im Tennis, zu werden", sagt die heute 41- Jährige. Vor gut einem Vierteljahr wurde sie zur Nonne der anglikanisch-dominikanischen Kirche geweiht. Seit Jahren kümmert sie sich in einer Kinderklinik in Cincinnati um die kleinen Patienten auf der Krebsstation. "Ich bereue nichts, ich liebe das, was ich tue."

An die freche Göre mit der Zahnspange, den langen Zöpfen und dem weißen Stirnband erinnern nur noch die Bilder aus Wimbledon, Flushing Meadows oder Roland Garros. Auf dem "Heiligen Rasen" stand sie 1983 der großen Martina Navratilova gegenüber, die der damals 18-Jährigen mit 0:6, 3:6 eine bittere Niederlage verpasste. Alles Zetern, Pöbeln und Reklamieren nutzte nichts: Ein Grand-Slam-Titel blieb ihr hier wie schon im Jahr zuvor in Paris gegen dieselbe Gegnerin versagt.

Rücken und Seele litten

Angetrieben von ihrem Vater Roland, einem Barbesitzer aus der Schweiz, der mit seiner deutschen Frau Ilse 1956 nach Chicago ausgewandert war, wurde Andrea Jäger 1980 Tennisprofi. Sie hatte schnell Erfolg und nistete sich zwei Jahre auf Platz zwei der Weltrangliste ein. Doch das kraftvolle Tennis, das zu ihrem Markenzeichen wurde wie das Stöhnen und Pöbeln, forderte bald seinen Tribut. Nicht nur der Rücken und die Schulter schmerzten, sondern mehr und mehr auch die Seele des Tennis-Kükens.

Als sie sich 1985 bei den French Open wieder schwer an der rechten Schulter verletzte, war die Karriere faktisch zu Ende. Sieben Operationen später vollzog sie 1987 den endgültigen Rücktritt. Andrea Jaeger studierte Theologie und gründete die "Little Star Foundation". Zum Startkapital der Stiftung, die jährlich bis zu 8000 kranken Kindern hilft, wurden die 1,4 Millionen Dollar, die sie an Preisgeld kassiert hat. Zu den Förderern zählen die einstigen Berufskollegen John McEnroe, Andre Agassi und Pete Sampras, Gabriela Sabatini, Anna Kurnikowa und Michael Chang, aber auch das Model Cindy Crawford oder Hollywood-Größen wie Kevin Costner.

Angekommen im wahren Leben

"Ich weiß, dass dies das ist, was ich immer tun wollte", sagt Schwester Andrea. Der Ursprung war wohl "der Tod eines lieben Menschen, der an Krebs gestorben ist", erzählte einst eine ihrer Weggefährtinnen, die Autorin Rita Mae Brown. "Andrea hat sich rührend gekümmert. Sie spürt und fühlt Dinge viel früher, als wir es tun."

Erst als Andrea Jäger den Schläger endgültig aus der Hand gelegt hatte, wurde klar, wer sie wirklich war. Dass ihr flegelhaftes Auftreten auch eine Art Schutz vor der Konkurrenz und Ausdruck der Überforderung durch den ehrgeizigen Vater war. "Als ich nicht mehr spielen konnte, war das für mich der totale Frieden", sagt sie. Ihr strahlendes Lachen ist wie ein Ausrufezeichen hinter diesem Satz.

Ein Schlüsselerlebnis

Als sie 15 Jahre alt war, geschah das, was Andrea Jaeger als wichtigsten Teil des göttlichen Plans bezeichnet. Bei einem Turnier in West Haverstraw / New York kaufte sie ein Spielwarengeschäft leer und brachte alles ins örtliche Kinderkrankenhaus. "Ich bin mir vorgekommen wie der Weihnachtsmann", erinnert sie sich: "Die Kinder haben vor Freude geweint, und ich habe ihre von der Chemotherapie kahlen Köpfe gestreichelt und mitgeweint. Auf einmal wurde ich gemocht, für mich selbst, nicht für mein Tennisspiel."

Andrea Jaeger gründet ein Krankenhaus

Die Idee, sich für schwerstkranke Kinder einzusetzen, ließ Andrea Jaeger nicht mehr los.
1990 gründete sie mit Hilfe ihrer engsten Freundin Heidi Bookout an ihrem Wohnort in Aspen / Colorado die Silver Lining Foundation, die krebskranken Kindern Herzenswünsche erfüllt und ihnen die beste medizinische Versorgung zuteil werden lässt. Ein Jahr später entstand die Silver Lining Ranch mit einem eigenen Krankenhaus, einem riesigen Pool, einer Bowlingbahn, einer Reitanlage und einem Hotel.

Fügung des Schicksals oder?

Ermöglicht wurde das Projekt von Fabi Benedict, einer ortsansässigen Geschäftsfrau.
"Fabi guckte eines Morgens aus ihrem Küchenfenster auf ihre riesigen Ländereien und fragte Gott, was sie damit Sinnvolles tun könnte", erzählt Andrea Jaeger: "Das war genau an dem Tag, an dem ich mich zum ersten Mal mit ihr treffen wollte, um sie um eine Spende für meine Kinder zu bitten." Fabi Benedict schenkte der Silver Lining Foundation ihr Land und IMG-Finanzexperte Ted Forstman finanzierte den Ausbau.

Tennis, spielt die junge Nonne noch immer - oder besser gesagt: wieder. Die kleinen Patienten im Camp ihrer Stiftung in Durango / Colorado interessiert es freilich wenig, dass sie mal ein Tennis-Weltstar war. Sie lieben Schwester Andrea - und Schwester Andrea liebt sie. "Meine Eltern hatten nicht einmal eine Bibel. Aber ich wusste immer: Gott hat einen Plan mit mir."

Aus tennismagazin.de                           nach oben